Christina Amrhein über Friday..

Ein kryptisch anmutendes Ausgangszitat aus den Tagebucheintragungen des polnischen Anthropologen Malinowski dient als Titel für Miriam Jakobs Soloperformance, in der sie sich mit der wissenschaftlich-historischen als auch privaten Person des zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebenden Forschers beschäftigt. Im Verlauf der 45-minütigen Aufführung eröffnet sich dem Zuschauer ein Szenario auf der Grundlage der Schriften Malinowskis, das durchzogen ist von der Gleichzeitigkeit dokumentarischer Behauptung einerseits und fragiler Subjektivität auf der anderen Seite, die in der Person der Performerin reflektiert und zur eigenen Vergangenheit als ehemalige Anthropologiestudentin in Relation gesetzt wird.

Bezug nehmend auf die posthum veröffentlichten Tagebücher thematisiert Miriam Jakob die Doppelbödigkeit der in den Texten erhalten gebliebenen Person Malinowski und überträgt diese auf die Repräsentationsbedingungen der Bühne. Fasziniert von den sich in den Tagebuchaufzeichnungen abzeichnenden Abgründen eines Wissenschaftlers, der für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet einer kolonial geprägten, europäischen Anthropologie bekannt wurde, nutzt Miriam Jakob das theatrale Setting, um eine Atmosphäre zu kreieren, die sowohl um das Scheitern der repräsentativen Situation als auch um deren Hervorbringung kreist: So wie der Forscher Malinowski sich einerseits in seinen Schriften als renommierter europäischer Anthropologe autorisiert, geben die Tagebuchaufzeichnungen wiederum Einblicke in eine Welt der Zweifel und des Scheiterns, verbunden mit Heimweh und Überdruss ob der selbst auferlegten Rolle als Erforscher einer fremden Kultur.

Wenn zu Beginn der Aufführung der Raum eröffnet wird mit dem Abspielen von Zitaten aus dem Tagebuch und unter dem quietschenden Stakkato eines Diktaphons in Abwesenheit der Protagonistin selbst, wird die Aufmerksamkeit des Publikums sowohl auf die eigene Position als beobachtender Teilhaber einer Aufführung, als auch auf die karge Anordnung der Bühne gelenkt, die in sich wiederum eine Bühnensituation en miniature beherbergt: Sichtbar ist ein kleines Feld von Stühlen, das, vor einem Diaprojektor angeordnet, auf eine weiße Projektionsfläche an der Rückwand ausgerichtet ist. Diese Bühne taucht im Verlauf der Aufführung nach kurzer Zeit in einen dichten Nebel ein und unter spärlicher Beleuchtung entsteht eine Atmosphäre tropischer Lethargie, die mit den zeitlupenartigen Bewegungen der Performerin korrespondiert. Das so erzeugte Dickicht bleibt gespickt von den Zitaten Malinowskis, während der Körper im Bühnennebel schließlich kraftlos zu Boden sinkt, und die Diktiermaschine fortfährt, Phrasen in den Raum zu werfen. Hier wird das Scheitern des Körpers an der Unübersetzbarkeit einer Erfahrung deutlich, verbunden mit dem Scheitern an der eigenen Sprache, die einen zentralen Ausgangspunkt der Arbeit darstellt und die den Körper hier letztlich auch in Stagnation und Bewegungslosigkeit gefangen nimmt.
Wenn sich im weiteren Verlauf der Aufführung eine Diashow über eine eigene Studienreise nach Indien zur Apathie des tropischen Settings gesellt, wird in diesem Teil des Stückes auf humorvolle Weise eine gute Portion Sarkasmus, Ironie, Langeweile und Traurigkeit spürbar, indem sich die Protagonistin, ihre Bilder lakonisch kommentierend, mit den Motivationen, Gefühlen und Sichtweisen aus ihrer Zeit als Ethnologiestudentin konfrontiert. In dieser Dia-Schau als Herzstück der Aufführung wird dabei zum ersten Mal die Bühnenmitte wie unter einem Vergrößerungsglas bespielt, indem einige der Zuschauer eingeladen sind, in dieses Zentrum der Aufführung einzutreten, um hinter dem Projektor Platz zu nehmen. Die am Rand der Bühne verbliebenen Zuschauer werden dabei gleichzeitig Zeugen einer Anordnung, die die theatrale Situation in sich zurücktreten lässt, indem sich diese auf der Bühne verdoppelt.

Zwischen der Figur der Performerin und den dergestalt in Szene gesetzten Dokumenten stellt sich nicht nur die Frage nach einem speziellen historischen, kolonial geprägten Blick, sondern dieser Blick, der im Umgang mit den Dokumenten erfahrbar wird, wird zwischen Zuschauern, Akteurin und Dokument performativ in Szene gesetzt, ausgespielt und verhandelt. Wenn in der Auseinandersetzung mit diesem historischen Material also ein Teil europäischer Wissenschaftsgeschichte in schillernder Gestalt nicht nur Zeugnis von einem Forschungsgegenstand gibt, sondern gleichzeitig die Subjektivität des Autors, seine Einbettung in Zeit und Kontext fassbar wird, dann greift Miriam Jakob diese Doppelbödigkeit in ihrer Aufführung dergestalt auf, dass es in der Arbeit weniger darum geht, den Sinn der Inhalte und Narrative in die Aufführung hinein zu verlängern, als ihnen diesen Sinn zu nehmen: in der Absicht, ein offenes Ensemble von Bezügen zwischen Dokument und Bühnensituation zu schaffen, deren subjektive Seite empfunden werden kann.